Der heutige Beitrag über Insulinresistenz ist eine Zusammenarbeit mit Alicja Kurzius von www.insulinresistenz.club , die diesen Blogartikel verfasst hat.  Den dazugehörigen Podcast kannst Du Dir über Itunes, Android oder den oben aufgeführten Link anhören. 

 

 

Von der Insulinresistenz sind in Deutschland schätzungsweise ein paar Millionen Menschen betroffen, viele wissen es allerdings noch nicht. Da Insulinresistenz an sich keine Krankheit ist, sondern als ein Zustand vor einer Krankheit bezeichnet wird, wird sie oft nicht ernst genommen und nicht behandelt. Dies hat dann sehr negative Auswirkungen auf das Befinden und die Gesundheit von Patienten. Oft (sogar massiv) übergewichtig, am Tag übermüdet, energielos und nach dem Essen bereit für einen Mittagsschlaf – das sind noch die harmlosesten möglichen Symptome, die Menschen mit Insulinresistenz tagtäglich begleiten. Viele Betroffene klagen auch über Unruhe und Zittrigkeit bis hin zu Panik- und Angstzuständen.

Lange wurde die Insulinresistenz nicht als ein bedeutendes Problem angesehen – eher ihre Folge, die Erkrankung an Diabetes Typ 2. Hatte man noch recht gute Blutzuckerwerte, die nicht auf Diabetes Typ 2 hingedeutet haben, wurde man als gesund diagnostiziert; von Insulinresistenz oder einer möglichen Behandlung war nicht die Rede. Bis heute berichten Patienten davon, dass Ärzte sie nicht ernst nehmen und Insulinresistenz als Modeerscheinung ansehen.

Insulinresistenz wird allmählich zur globalen Epidemie des 21. Jahrhunderts. Durch unseren Lebensstil betrifft diese Erkrankung immer mehr Kinder, Erwachsene und ältere Menschen und bedingt weitere gesundheitliche Probleme.

Der Begriff der Insulinresistenz

Die Insulinresistenz (IR) ist ein Zustand, der sich durch eine verringerte Insulinempfindlichkeit (Resistenz) des Gewebes (Muskeln, Leber, Fettgewebe) bei “normalen“ oder erhöhten Blutzuckerwerten im Serum manifestiert. Wenn die Glukose im Blut dauerhaft erhöht ist, kann die Insulinresistenz zum Diabetes Typ 2 führen. Oft ist es jedoch möglich, dieser Krankheit zu entgehen, nämlich durch eine Überproduktion von Insulin (Hyperinsulinämie)

Die Insulinüberproduktion schützt uns also erst einmal von dem Diabetes Typ 2, hat jedoch andere negative Auswirkungen auf unseren Organismus. Sie ist unter anderem verantwortlich für Übergewicht, Fettleber, Störungen bei der Funktion der Eierstöcke, gestörtes Cholesterin-Management und Regulierung von Blutdruck.

Die Behandlung von Insulinresistenz und Hyperinsulinämie ist die gleiche und basiert auf einer gesunden Ernährungsumstellung, körperlicher Aktivität sowie, je nach Werten, auf einer pharmakologischen Behandlung.

Ursachen einer Insulinresistenz

Die genauen Ursachen für die Insulinresistenz sind bis heute nicht genau bekannt. Man hat beobachtet, dass die meisten Betroffenen sehr viel Bauchfett aufweisen.

Zu den weiteren Ursachen gehören der erhöhte Konsum von Kalorien, der Verzehr von Produkten mit einem höheren Glykämischen Index (GI), Entzündungen im Körper sowie das Lebensalter.

Man unterscheidet genetische Faktoren und Umweltfaktoren.

Zu den Umweltfaktoren gehören:

  • schlechte Ernährung
  • Bewegungsmangel
  • Suchtmittelkonsum
  • Stress
  • Schlafmangel
  • manche Medikamente
  • Übergewicht und Fettleibigkeit, vor allen im Taillen-Bauch-Bereich
  • Alterungsprozesse.

Je höher das Lebensalter, desto größer wird das Risiko, an Insulinresistenz und Diabetes Mellitus zu erkranken.

Eine große Bedeutung bei der Entstehung von Insulinresistenz haben genetische Faktoren wie familiäre Dispositionen für Übergewicht und Diabetes Typ2 (ca.50%).

Die Wirkung von abdominaler Fettleibigkeit („Bauchfett“) ist noch nicht genau wissenschaftlich erforscht. Es scheint nach heutigem Forschungsstand so zu sein, dass diese etwas mit einer chronischen Entzündung im Bauchfettgewebe zu tun haben könnte.

Ursprung einer Insulinresistenz

Der Beginn einer Insulinresistenz, die durch Umweltfaktoren entsteht, hat nicht selten in der Schwangerschaft und im frühen Kindesalter seinen Ursprung. Schon während der Schwangerschaft werden das Kind und sein Metabolismus „programmiert“.

Je gesünder die Mutter während der Schwangerschaft isst, desto besser ist der Start für das Kind, wenn es um das Risiko der Fettleibigkeit geht, die ja mit einer Insulinresistenz zusammenhängen kann. Heute weisen immer mehr Fachartikel darauf hin, dass das Geburtsgewicht und die Ernährung der Mutter während der Schwangerschaft von Bedeutung sind, wenn es um Entstehung von Insulinresistenz, dem metabolischen Syndrom sowie der Hypoplasie (Unterentwicklung) von Pankreasinseln ist.

Anzeichen einer Insulinresistenz

  • Überhöhte Schläfrigkeit nach einer Mahlzeit (vor allem kohlenhydratreicher)
  • Allgemeine Müdigkeit oder Antriebslosigkeit
  • Gewichtszunahme (ohne Änderungen bei der Ernährung und normalen Portionsgrößen)
  • Trübheit im Kopf
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Gedächtnisprobleme
  • Kopfschmerzen („schwerer Kopf“)
  • Gelenkschmerzen
  • Kältegefühl
  • Dunkle Verfärbungen der Haut (Acanthosis Nigricans)
  • Häufig Hungergefühl ca. 2-3 Stunden nach einer Mahlzeit, dann oft große Lust auf Süßes
  • Fressattacken
  • Probleme mit Gewichtsabnahme trotz einer Ernährungsumstellung/Diät
  • Getrübte Stimmung
  • Unterzuckerung
  • Unterzuckerungsähnliche Symptomatik (Zittern, Unruhe, Angst), auch wenn der Blutzucker im Normbereich ist.

Faktoren, die eine Insulinresistenz verschlimmern oder auslösen können

  • Zucker- und weißmehlhaltige Lebensmittel
  • „bunte“ Getränke
  • Transfettsäuren (gesättigte Fette)
  • Ernährung, die auf einem hohen Glykämischen Index basiert
  • Bewegungsmangel
  • Fettleibigkeit und Übergewicht
  • Suchtmittel
  • Essstörungen und unregelmäßige Esszeiten
  • radikale Diäten, zu wenig Essen/ aber auch zu viel Essen (Bulimie, Magersucht, Orthorexie, Esssucht)
  • Schlafmangel,
  • Stress Faktoren
  • manche Medikamente (Hormontabletten/ Pille)

Störungen und Erkrankungen die oft im Zusammenhang mit der Insulinresistenz diagnostiziert werden:

  • Metabolisches Syndrom
  • PCO (Polyzystische Ovarien)
  • PCO-Syndrom (PCOS, Polyzystisches Ovarialsyndrom)
  • Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion)
  • Nebennierenerkrankungen (Cushing- Syndrom)
  • Lebererkrankungen
  • Bluthochdruck
  • Adipositas/ Fettleibigkeit
  • Hashimoto Thyreoiditis
  • Morbus Basedow
  • Diabetes Typ 2
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Alzheimer/Demenz
  • Schlafapnoe

Diagnostik

Erweiterter oGTT (oraler Glukosetoleranztest) mit Insulin-Belastungstest:

Mit Hilfe dieser Tests kann genauer untersucht werden, wie sich Glukose und Insulin nach der Belastung (der Aufnahme von zucker- oder kohlenhydratreichem Essen) verhalten: So kann z.B. eine Hyperinsulinämie nach Belastung, Hypoglykämie oder Hyperglykämie diagnostiziert werden. Diese Erscheinungen treten oft bei IR auf und dieser Test ist für eine genaue Diagnostik sehr zu empfehlen. Gute Ernährungsberater brauchen diese Werte, um die richtige Ernährungsform zu finden und an den jeweiligen Patienten anzupassen (z.B. für die Anzahl der empfohlenen Mahlzeiten pro Tag und deren Abstand).

Oft können auch bei recht guten Nüchternwerten schlechte Werte nach Belastung auftreten und es werden daraufhin nicht selten dementsprechende Medikamente verschrieben. Ein erweiterter oGTT ist daher hier von großer Bedeutung für die richtige Behandlung.

Normen für Insulinwerte nach Belastung

Problematisch ist es, wenn es um die Normen der Insulinwerte nach der Belastung geht. Diese sind nicht anwendbar auf alle Patienten. Oft muss der Arzt selbst entscheiden, ob und in welchem Maße die Werte erhöht sind und wo die Ursache dafür liegt.

Diese Normen werden am häufigsten benutzt (sie variieren jedoch je nach Land / Arzt/ Labor):

< 10 mU/ml nüchtern

< 50 mU/ml nach 1 Stunde

< 30 mU/ml nach 2 Stunden

< 10 mU/ml nach 3 Stunden

Labor Normen für Insulin (nüchtern)

3 – 25 mU/ml

Immer häufiger liest man, dass der anzustrebende Wert möglichst bei 9 und kleiner liegen sollte. Hier kann schon der Insulinwert (nüchtern höher als 10mU/ml) auf eine Insulinresistenz hindeuten. Oft wird das Ausmaß der Insulinresistenz mit Hilfe des HOMA-INDEX (Homeostasis Model Assessment) bestimmt, in dem die Nüchterninsulinwerte und Blutzuckerwerte bestimmt werden.

Einordnung des HOMA-Index:

Bei Werten HOMA-IR > 0,91 (+/- 0,38) kann bereits eine IR diagnostiziert werden. In manchen Quellen gelten für den Homa-Index Referenzwerte von > 1,0, > 1,5 oder > 2, wie es in Deutschland und Polen üblich ist. Bei Kindern ist dieser Wert variabel und kann höher als bei Erwachsenen sein, vor allem in der Zeit der Pubertät, in der sich die Sensibilität der Zelle auf Insulin verändert.

Es ist auch möglich, dass der HOMA-Index unauffällig ist (also der Wert um 2 liegt), aber trotzdem eine Insulinresistenz nicht ausgeschlossen werden kann.

Bestehen entsprechende Symptome trotz unauffälligem HOMA, so sollten weitere Anhaltspunkte geprüft werden, um sicher zu stellen, ob eine Insulinresistenz vorliegen kann.

Dies geschieht zum Beispiel anhand des QUICKI-Index (Quantitative-Insulin-Sensitivity-Check Index).

Einen HOMA- und QUICKI-Rechner findest du auf der Internetseite

http://insulinresistenz.club/homa

Insulinresistenz-konforme Ernährung

Allgemein wird bei Insulinresistenz eine Ernährung empfohlen, die auf niedrigem Glykämischen Index und sporadisch einem mittleren Glykämischen Index basiert. Dazu gehört auch die Empfehlung auf den Verzicht auf einfache Kohlenhydrate und Zucker. Komplexe Kohlenhydrate sind dagegen sehr empfehlenswert, wenn diese so kombiniert werden, dass die Glykämische Last der ganzen Mahlzeit nicht zu hoch wird.

Glykämische Last für einzelne Produkte (Speisen)

GL Niedrig 0 – 10

GL Mittel 11 – 19

GL Hoch 20 und höher

Empfohlen sind drei bis fünf Mahlzeiten am Tag; diese Empfehlung ist allerdings sehr individuell. Tendenziell wird eher zu fünf Mahlzeiten und einer drei- bis vierstündigen Pause zwischen den Mahlzeiten geraten. Dies gilt vor allem für Betroffene, die an Hypoglykämie leiden. Zwischen den Mahlzeiten sollte möglichst nur Wasser getrunken werden, um eine zusätzliche Insulinausschüttung zu vermeiden. Drei Mahlzeiten am Tag mit z.B. vier bis fünf Stunden Pause dazwischen werden den Patienten empfohlen, die sehr hohe Insulinwerte haben, z.B. Hyperinsulinämie, und keinen allzu langen Tag haben.

Die Ernährung bei Insulinresistenz sollte immer gut ausgewogen sein, d.h. man sollte möglichst immer gut bilanzierte Mahlzeiten essen. Das hilft dabei, die Glykämische Reaktion zu senken bzw. deren Auswirkungen einzudämmen. Kohlenhydratreiche Produkte sollten immer in Begleitung von Gemüse und anderen Produkten mit niedrigem Glykämischen Index gegessen werden und nie alleine.

Zusammenfassung

Der Zustand der Insulinresistenz, auch wenn aus medizinischer Sicht (noch) nicht als Erkrankung qualifiziert, stellt in Europa immer größere Risiko für die Betroffene dar. Diese Zahl wird wachsen, es wird immer mehr Menschen geben, die das Risiko in sich tragen, an Diabetes Typ 2 zu erkranken und die von Adipositas betroffen sind. Insulinresistenz wird immer mehr zur Epidemie unserer Zeit!

(Quelle: Kurzius A. „Insulinresistenz der Weg zur Genesung“.  Exklusive Ausschnitte von dem Ratgeber für Bio 360)

Mit Hilfe des demnächst erscheinenden Ratgebers erfahrt ihr, was Insulinresistenz eigentlich ist, wie sie diagnostiziert wird und welche Behandlungsgrundsätze es gibt, um den Zustand der Insulinresistenz erfolgreich und vor allem langfristig zu heilen. Ihr lernt dabei auch, was bei der Ernährungsumstellung zu beachten ist, welche Sportarten empfohlen werden und ob eine Medikation immer notwendig ist.

„Du musst deinen Zustand nicht akzeptieren, hinnehmen oder resignieren. Nur du kannst etwas verändern – also beginne jetzt!“

Alicja Kurzius – Ergotherapeutin, Buch Autorin, Gründerin des Projekts „Insulinresistenz – der Weg zur Genesung“, Leiterin von fünf Insulinresistenz-Selbsthilfegruppen. Expertin auf dem Gebiet Insulinresistenzbehandlung und der Begleitung von IR Betroffenen. Internationale Botschafterin der Insulinresistenz-Stiftung. Administratorin der einzigen Insulinresistenz-Selbsthilfegruppe in Deutschland, die von Spezialisten ( u.a. Ärzten, Ernährungsberatern, Sportlern) unterstützt wird. Mama einer Tochter und Ehefrau. Fasziniert von Diättherapie für Groß und Klein. Autorin der Insulinresistenz-Seite und dem Blog www.insulinresistenz.club Kontakt: insulinresistenz@gmail.com

Weiterführende Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/Oraler_Glukosetoleranztest